Mit dem Sieger Wellens von UAE und dem Zweitplatzierten Campenaerts von Visma auf der 15. Etappe, ballern die wichtigen Helfer der beiden Führenden im Gesamtklassement mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von über 47km/h über 170km mit 2300hm durch den Glutkessel von Carcasonne [16] wie im frisch gestarteten Zustand auf der 1. Etappe, wo ein identisches Tempo absolviert wurde. Diesmal jedoch wohlgemerkt nach den Strapazen von 14. Renntagen und den brutalen Pyrenäenetappen. Das Zustandekommen der Spitzengruppe war allerdings zwischen UAE und Visma sehr umstritten, die anschließende Diskussion am Ruhetag offenbart wie gnadenlos es im Peloton inzwischen zugeht [17]. Wahrscheinlich waren Wellens und Campenaerts als Relaisstationen für evt. Attacken ihrer Kapitäne in der Spitzengruppe platziert worden, aber spätestens nachdem diese über 6min Vorsprung herausgefahren hatte wäre Schonung und v.a. Überlassung des Etappensieges an kleinere Teams eine schöne Geste gewesen. Man hätte es dem Drittplatzierten Alaphilippe und seinem Tudor Team jedenfalls gegönnt. Zumal sich dieser alte Haudegen beim Sturz während der Etappe eine Schulterluxation zuzog, die er selber wieder eingerenkt hat, alles während einer Raserei mit Tempo 50km/h, auch diese Episode lässt den kundigen Beobachter sprachlos zurück [18]. Zu allem Überfluss gewinnt Wellens die Etappe auch noch mit einem gigantischen Solo über 43km Länge, von der eigentlich obligatorischen Ermüdung ist bei den Fahrern keinerlei Anzeichen zu entdecken. Bezeichnend auch der Umgang beim Team RBH mit seinem Rookiestar Lipowitz, der immerhin als bester Nachwuchsfahrer im weißen Trikot und Aussicht auf einen Podiumsplatz im Rennen reüssiert. Nach dem Massensturz lässt man ihn alleine hinter dem Peloton um den Wiederanschluss kämpfen, ohne einen einzigen Helfer zur Unterstützung nach hinten zu beordern [19]. Ein nächster schwerer renntaktischer Lapsus nach dem Windkantendesaster auf der 1. Etappe. Die fragwürdige Teamnominierung bei RBH lässt die eigentlichen Protagonisten für solche Aufgaben (Moscon, van Dijke, Pithie) wie Geister erscheinen, die nie auftauchen wenn man sie braucht und auch sonst in den drei Wochen nahezu unsichtbar waren. Wieso man bei den Gesamtklassement Ambitionen von Roglic und später Lipowitz, nur einen nominellen Berghelfer mit Vlasov, der nie an sein gewohntes Leistungsvermögen herankam, mitnahm, ist auch eines der vielen Rätsel um eine offensichtlich unkoordiniert agierende sportliche Leitung. Das der unglücklich gestürzte Meeus mit seinen schweren Verletzungen nicht mehr in die Sprintentscheidungen eingreifen konnte war Pech, Chapeau das er sich sogar nach bis Paris durchquälte. Sein Lead out Anfahrer van Poppel ist ein weiterer Nominierungsflop, wohlwissend das dessen Frau mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in den drei Wochen zur Geburt ausgezählt war und der werdende Vater dann folgerichtig die Tour verlassen muss [20]. Möglicherweise ist das mit Vertragsgarantien zu erklären die beim Engagement der Fahrer deren Management einen TdF Start zugesichert haben. Auch so eine der unschönen neuen Ausartungen im modernen Profiradsport.

Beim Befahren am Vortag der 16. Etappe hinauf zum Mont Ventoux, ist dem Autor ein kilometerlanges neues Asphaltband im unteren steilen Abschnitt aufgefallen, auf dem es sich wesentlich leichter fahren ließ neben dem rauhen Hauptbelag. Eigentlich wäre zu erwarten das die Scouts der hochdotierten Profiteams diesen Wettkampfvorteil erkennen und an die Fahrer weitergeben. Die Livebilder zeigen dann jedoch erstaunlicherweise das sowohl in den Spitzengruppen, wie auch bei den GC Favoriten, dieser hilfreiche Belag einfach rechts liegen gelassen wird. Übrigens auch von sämtlichen „Radsportexperten“ an den zwangsfinanzierten Mikrofonen.

Abb. 5 Sowohl die Spitzengruppe als auch die GC Favoriten ignorieren den hilfreichen neuen Asphaltbelagstreifen [21]

Renntaktisch hat Visma an diesem Tag alle Register gezogen, mit van Aert der wie ein Berserker die GC Favoritengruppe für seinen Kapitän Vingegaard in den unteren Teil des Ventoux katapultiert, bis er dann beim Ausscheren fast vom Rad fällt vor Erschöpfung. Kuss und Yates die ein mörderisch hohes Tempo im Steilabschnitt anschlagen und Pogacar komplett von seinen Helfern isolieren. Vingegaards Attacken zum richtigen Zeitpunkt, der dann zunächst zur ersten Satellitenstation Benoot auffährt der in die Gruppe des Tages geschickt war, die nächste Attacke des Dänen bis zur zweiten Satellitenstation Campenaerts der ebenfalls aus der Spitzengruppe zurückfallend auf seinen Leader wartete. Alles wie aus dem Taktiklehrbuch, einzig die Zielperson des immensen Aufwands, nämlich Pogacar, lässt sich auch nach zwei weiteren Attacken Vingegaards einfach nicht abschütteln.

Das Attackenfestival in der Spitzengruppe zwischen Healy und Paret-Peintre ist ebenso spektakulär, mit dem besseren Ende für den Franzosen. Die Geschwindigkeiten mit denen die Spitzenfahrer den kahlen Riesen der Provence erstürmen, sind erneut atemberaubend und mit kritischem Zweifel behaftet.

Abb. 6 Aufstiegsgeschwindigkeiten im Turbomodus [22]

Auf dieser Etappe hat RBH auch endlich mal renntaktisch geliefert im Kampf um die Podiumsplatzierung im GC und der Absicherung des weißen Trikots. Roglic und Lipowitz, sowie der aus der Spitzengruppe zurückbeorderte van Dijke, arbeiten effektiv zusammen und können den wichtigsten Konkurrenten in der Gesamt- und Nachwuchswertung, den jungen Schotten Onley, auf Distanz halten.

Pogacar stellt einen neuen Aufstiegsrekord am Ventoux auf, mit 54min:41s ist er ca. 1min schneller als der bisherige Rekordhalter Mayo aus dem Jahre 2004 [23]. Die beiden Superstars, Pogacar und Vingegaard, mobilisieren dabei etwa 1h lang 6,5W/kg KG, Dimensionen die sicherlich berechtigte Fragen nach deren Zustandekommen aufwerfen [3]. Seine völlig unnötige Attacke auf Vingegaard an der Schlussrampe, hatte also sicher nichts mit der Ambition zu tun angeblich noch den Strava KOM holen zu wollen [24], sondern zielte eindeutig darauf ab, den Hauptkonkurrenten mental zu brechen. Keine schöne Geste, selbst ein Armstrong zeigte an dieser Stelle mehr Fairplay als er Pantani 2000 den Vortritt lies [25]. Auch Pogacars Helfer Politt übertreibt seine Helferrolle wohl unangemessen, indem er mit allen, leider auch unsportlichen, Mitteln versuchte Ausreißversuche aus dem Peloton zu unterbinden, damit sein Kapitän am mythischen Gipfel siegen kann [26].

Man kann sich ja mal den Spaß machen in Bedoin, am Fuß des Mount Ventoux, ein E-Bike auszuleihen, um dann zu versuchen damit bei konstant 20km/h diesen Monsterberg hinaufzufahren. Wenn Sie mit einem Kolbenfresser in beiden Beinen bzw. einem verglühten Motor liegenbleiben, können Sie in etwa erahnen, welche abartigen Leistungen die Velogladiatoren mobilisieren können. Dann wird auch verständlich das der Kapitän von Uno-X, Johannesen, immerhin Gesamtachter, auf dem Gipfel des Ventoux kollabierte [27]. Die gesamte 172km lange Etappe mit fast 3000hm wurde übrigens in einem sagenhaften Schnitt von 42,3km/h abgespult [28]!

Der Etappensieger Paret-Peintre aus der morphologischen Kategorie ektomorph leptosom, man könnte es auch als Anorexia athletica bezeichnen, bringt bei 1,78m Körpergröße übrigens nur 52kg auf die Waage. Erstaunlich das hierbei nicht eine ähnliche berechtigt kritische Diskussion wie um die Tour de France Femmes Siegerin Ferrand-Prevot geführt wird [29].

Von Smirs1

Studium der Chemie u. Sportwissenschaft; 30 Jahre Berufserfahrung in der klinischen Forschung, Medizinproduktezulassung, Fitnessindustrie u. Betreuung von Weltklasseathleten; ehem. Diplomand am Institut f. Biochemie u. Dopinganlytik d. DSHS Köln; investigativer Journalist in Mainstream u. alternativen Medien mit zahlreichen fachspezifischen Publikationen; passionierter Radsportler, seit 40 Jahren im Rennsattel unterwegs; Erfinder und Patentinhaber

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