Mit dem Bergzeitfahren von Loudenville hinauf nach Peyragudes, über 11km und 650hm, zementiert Pogacar seine Unangreifbarkeit im Gesamtklassement mit einem erneuten Etappensieg. Einzig Vingegaard kann mit einem Rückstand von 37s mit „Strahlemann“ mithalten, alle anderen Konkurrenten werden um Längen distanziert, Zeitfahrweltmeister Evenepoel erlebt ein Debakel [1]. Ein sturzlädierter Pogacar fliegt dabei mit sagenhaften 28,5km/h Durchschnittstempo bergauf [2], was in etwa 7,5 Watt/kg KG entspricht [3]! Werte die im wahrsten Sinne des Wortes langzeitstatistisch jenseits von Gut und Böse anzusiedeln sind.
Hochinteressant sind die unterschiedlichen Ansätze der einzelnen Teams und Topfavoriten bezüglich des technischen Setups. Der Parcours war äußerst inhomogen gestaltet, zunächst mit drei flachen Kilometern, bei denen Zeitfahrmaschinen eindeutig Vorteile bieten. Die anschließenden Sektoren gingen eingangs mit 4,5 Prozent, danach mit 6-9% sowie auf den letzten 900m mit bis zu 13% Steigung bergan, also ein klassisches Terrain für spezielle Bergfahrboliden. Der überwiegende Teil der Rennfahrer entschied sich dann auch für die eher klassische Aero Straßenradmaschine, nur vier Protagonisten wählten ein modifiziertes Zeitfahrradsystem (Vingegaard, Lipowitz, Evenepoel und Roglic). Dabei wurden die Lenkerauflieger Aufsätze um bis zu 2cm höhergelegt, damit eine aufrechtere Position mit höherer Krafteinleitung in den Bergaufabschnitten ermöglicht wurde. Dabei wurde an jedem Gramm Zusatzgewicht gespart und teilweise Lackierungsschichten oder Lenkerbänder weggelassen, um dem UCI Gewichtslimit von 6,8kg möglichst nahe zu kommen [4].


Die Geschwindigkeitsunterschiede der einzelnen Zeitfahrabschnitte stellen enorm variable neuromuskuläre Anforderungen an die Fahrer. Extrem kraftorientiert mit hohen Übersetzungen in dem Flachabschnitt und dann deutlich frequenzorientierter mit diametralen motorischen Höchstbelastungen in den Steilpassagen. Die Umschaltung dieser Fahrtrhythmuswechsel ist Pogacar mit dem gewählten Radsetup und Übersetzungsspektrum wohl besser gelungen als Vingegaard, obwohl theoretische Simulationen sicher die Zeitfahrradvariante empfohlen haben [6].
Vingegaard hat trotzdem ein exzellentes Bergzeitfahren absolviert, aber dann kommt eben Pogi und ist noch 36s besser. Auch dazu gibt es ein Déjà-vu, als ein damals überragender Ulle von dem Dominator seiner Zeit Armstrong beim Bergzeitfahren in Alpe d’Huez geschlagen wurde. Und auch dort ging bekanntlich nicht alles mit rechten Dingen zu. Geschichte wiederholt sich [7]!
Auf der 14. Etappe wird bei deutlich kühleren Witterungsbedingungen, die eigentlich das Fahrerfeld zusätzlich belasten und deren Leistungsvermögen entsprechend reduzieren müsste, über 183km und extrem schwierigen 5000hm ein sagenhafter Schnitt von 37km/h ins Gebirge gezaubert. Sicherlich spielt die Verwendung von aerodynamisch optimiertem Material [8] und die Teamtaktik des Windschatten-effektes an den Anstiegen [9] seinen Anteil an diesen exorbitanten Leistungswerten. Immerhin kann die Leistungsersparnis bei gleicher Geschwindigkeit bis zu 30Watt betragen.


Das sind im leistungsphysio-logischen Anforderungsprofil enorme Differenzen an den Dauerleistungsschwellen, mit entsprechenden hochsignifikanten Wettkampfvor-/nachteilen für die einzelnen Teams und deren Rennfahrer. Trotzdem fragt man sich, wieso bei Pogacar weder Verletzungen [10], Krankheit [11], Unfälle [12], oder sogar die psycho-traumatische Choreografie des Veranstalters [13], irgendwelche Einschränkungen auf sein Leistungsvermögen haben. Während Evenepoel auf dieser 14. Etappe wegen der zuvor genannten Faktoren die Tour endgültig aufgeben muss. Schließlich ist Evenepoel nachweislich in derselben physisch talentierten Ausnahmekategorie anzusiedeln, er unterliegt aber immerhin noch den naturgesetzlichen regenerationsbedingten Limits, die bei Pogacar völlig unverständlich außer Kraft gesetzt sind. Da sollte man schon mal skeptisch werden, v.a. wenn sogar ein ehemaliger Toursieger ebenfalls sprach- und fassungslos reagiert, angesichts der Leistungen Pogacars [14].