Der Auftakt der Tour, im ehemaligen nordfranzösischen Kohlerevier, liefert schon nach wenigen Kilometern Indizien dafür, mit welcher zunehmenden Rücksichtslosigkeit das Peloton durch Frankreich rasen wird. Dies wird zunächst beim Kampf um die ersten Punkte in den Sonderwertungen deutlich, wobei die beiden Ausreißer Thomas und Vercher das Kunststück vollbringen sich an der Bergwertung des Mont Cassel gegenseitig über den Haufen zu fahren (s. Artikel Titelbild) [1]. Welche wilden Positionskämpfe im Hauptfeld vonstattengegangen sind, lassen die sturzbedingten frühen Aufgaben so erfahrener Protagonisten wie Ganna und Bissegger nur erahnen [2]. Geraint Thomas liefert in seinem Podcast [3] nach der 1. Etappe mit dem bezeichnenden Statement: „Hätte ich bloß schon letztes Jahr aufgehört…“, den ultimativen Beweis dafür wie brutal der Alltag im Radsportzirkus geworden ist. Selbst die Annahme das eine solche Flachetappe, die mit einem enormen Durchschnittstempo von fast 48km/h absolviert wird [4], eigentlich eine Angelegenheit für die Sprinter und deren Equipes darstellt, wird im Finale ad absurdum geführt indem schon dort der Kampf der GC Aspiranten entfesselt wird, der das komplette Fahrerfeld zerlegt. 16,8km vor dem Ziel spaltet Visma Lease a Bike das Peloton auf der Windkante mit Tempo 60km/h aus einem unscheinbaren Kreisverkehr heraus. Die großen Verlierer schon am ersten Tag, mit fast 40sec Zeitverlust im GC, sind Roglic/Red Bull Bora Hans Grohe (RBH) und Evenepoel/Soudal Quick Step (SQT). Völlig unverständlich das solche renommierte World Tour Teams mit den hochdotierten Kadern derartige Anfängerfehler unterlaufen und sie von Teams mit deutlich geringeren Budgets und Möglichkeiten vorgeführt werden [5].


Äußerst kurios das Lenny Martinez auf dieser ersten Etappe völlig leer mit 9min:11s Rückstand ins Ziel trudelt, um dann im Verlauf der Tour um das Bergtrikot gegen die absoluten Superstars Pogacar und Vingegaard mitzufahren [7]. Wie kann es sein das ein Fahrer in einem scheinbar so schlechten Zustand zur Tour kommt und sich dann auf wundersame Weise in kürzester Zeit unter Extrembedingungen erholt?
Technisch setzen einige Athleten und Teams den Trend der Verwendung von Monokettenblätter aus 2024 fort. Vingegaard fährt bspw. die meisten Etappen komplett mit 50×10-36 [8].
Nach dem Debakel des Vortages lanciert RBH eine völlig sinnlose kraftraubende Attacke durch ihren Jungstar Lipowitz [9], erste Indizien für die totale Planlosigkeit der sportlichen Leitung, der weitere vollkommen unverständliche Eskapaden im Tourverlauf folgen sollen. Ganz anders hingegen agiert das ggü. RBH finanziell wesentlich limitierter aufgestellte Team Alpecin Deceuninck (ADC). Dessen Superstar van der Poel ringt den Überflieger Pogacar auf dem Zielstrich nieder und verhindert dessen erneute frühzeitige Dominanz. Die angebliche Ursache der beeindruckenden Formstärke der ADC Topathleten um van der Poel und Philipsen wird mit einer besonderen hyperthermischen Trainingsmethodik erklärt, dem sog. Hitzetraining. Die wesentlichen leistungssteigernden Effekte liegen v.a. in der Zunahme des Blutvolumens und der Anzahl der Retikulozyten/Erythrozyten [10]. So ganz neu wie in den diversen Portalen propagiert ist diese Maßnahme allerdings nicht, sie wurde schon in zahlreichen Varianten von mittel- und nordeuropäischen Athleten in der Vergangenheit zur Vorbereitung auf extreme klimatische Bedingungen an Wettkampforten zu entsprechenden Saisonhighlights angewandt [11]. Gut in Erinnerung sind mir die Rollentrainingseinheiten einiger Athleten in der Sauna, mit angezogener Regenjacke, bis kurz vor den totalen thermodynamischen Suizid, in Vorbereitung auf die Olympiade in Atlanta 1996.

Das Sturzfestival der velophilen Egomanentruppe findet auf der 3. Etappe seine unerfreuliche Fortsetzung. Wie schon beim Bergwertungsscharmützel auf der 1. Etappe räumen sich diesmal die Sprinter in einer Zwischenwertung ab und eliminieren den Sprint Superstar der Szene, Auftaktsieger und Träger des grünen Trikots, Jaspar Philipsen.
Philipsens Teamkollege Jonas Rickaert kommentiert den Vorfall treffend: “Ich war erst wütend auf Coquard und wollte ihn zur Rede stellen. Er sagte, er konnte nichts dafür. Aber es ist nicht das erste Mal, dass er bei einem Zwischensprint zu große Risiken eingeht. Und das, obwohl er höchstens Sechster oder so im Punkteklassement werden kann. Dass er beim Finish mitsprintet, okay. Dann geht es um den Sieg. Aber sein Leben für zehn Punkte zu riskieren, dafür fehlen mir einfach die Worte.“ [15] Irgendwie ein Wink des Schicksals, das ausgerechnet Coquard auf der 12. Etappe das Malheur passiert sich beim Annehmen einer Trinkflasche zwei Finger zu brechen und aussteigen zu müssen [16].