Mit dem 33km langen Einzelzeitfahren um Caen wird der Kampf um das Gesamtklassement endgültig eröffnet. Viele der GC Fahrer bezahlen dabei ganz offensichtlich für das extrem explosive und laktazide Finale der 4. Etappe, Vingegaard&Co. verlieren weit über 1min auf Pogacar und Evenepoel, ein beträchtlicher Rückstand auf der kurzen Distanz. Roglic, der große Pechvogel mit Sturz und Materialdefekt auf Etappe 4, konnte in seinem angeschlagenen Zustand erwartungsgemäß nicht den geplanten kraftintensiven Einsatz (68er Kettenblatt!!) im Zeitfahren umsetzen. Die Tendenz zu immer abartigeren Übersetzungen setzt sich 2025 nahtlos fort. Roglic mit seinen 68×10-28 sticht dabei als besonders ambitioniert heraus, aufgrund seines Alters muss er im Kraft-Drehmoment Sektor agieren, da ihm für hochfrequente Strategien inzwischen durch die neuromotorische Seneszenz reduzierte Kapazitäten fehlen. Seine jüngeren Konkurrenten ketten deutlich moderater, Evenepoel 64×11-30, Vingegaard 64×10-28 und Pogacar 62×11-34 mit 165mm Kurbellänge. Die aerodynamische Perfektion und stilistische Ästhetik, gepaart mit der enormen Schmerztoleranz für mittellange hochexplosive Belastungszeiträume, dazu noch eine intuitive perfekte Pacingstrategie, wird aktuell von niemandem besser beherrscht als dem Disziplinweltmeister Evenepoel. Mit geradezu unfassbarem Durchschnittstempo von 54km/h, rast der Belgier über den Parcours der immerhin noch einen Anstieg mit knapp 200hm enthält. Dabei nimmt er dem Topfavoriten Pogacar trotzdem nur im Schnitt 0,5sec/km ab und kann somit nicht verhindern, dass dieser am Ende der Etappe neben dem gelben Trikot der Gesamtwertung, auch noch die Führung im grünen und gepunkteten Trikot für die Sprint- und Bergwertung übernimmt [1].

Abb. 1 Aerodynamik in Perfektion bei horrender Geschwindigkeit [2]

Eine besondere Bedeutung für die exorbitanten Leistungssteigerungen in den Einzelzeitfahren der Gegenwart, geht insbesondere auf die Modifikationen der individuell angefertigten Carbon Monocoque Lenkeraufsätze zurück. Der Ristgriff am Lenkeraufsatz ermöglicht schlicht höhere Gegenkräfte als vor 20 Jahren mit weit vorne positionierten Händen bei den Aerodynamikversuchen mit Supermanposition, Obree Stil u.ä.. Und dies alles ohne wesentliche Einbußen in den strömungsdynamischen Kennwerten der etwas größeren Stirnflächen, im Vergleich zu den damals extrem abgesenkten Oberkörperhaltungen, was man inzwischen mit CFD Modellen (numerische Strömungsdynamik, Computational fluid dynamics) belegen kann [3]. 

Abb. 2 Beispielhafte schematische Illustration der Hauptkraftvektoren durch die Handzugkräfte an den Lenkeraufsätzen, im Bezug zu den vortriebswirksamen Pedalkrafteinleitungen. Im Gegensatz zu dem horizontalen Handzug der Ära Ullrich&Co., kann die aktuelle Generation über die Vertikalgegenkräfte am Aerolenkeraufsatz viel mehr Körperspannung auf die Tretkräfte einbringen und somit die Bewegungsökonomie und Kraftausbeute über den Tretzyklus deutlich steigern [4]

Die 6. Etappe wird erneut mit einer brachialen Durchschnittsgeschwindigkeit von 46km/h über 200km mit 3300hm gefahren [5]! Diese absurden Leistungskenndaten werden vom späteren Sieger Healy noch einmal in eine besondere Dimension katapultiert, schließlich hat Healy im Finale dieses abartige Tempo größtenteils alleine fabriziert! Und wieder sollte man genau hinhören wie das von seinem in der Fluchtgruppe des Tages mitfahrenden Zeitzeugen Eddie Dunbar (Team Jayco-AlUla, Etappenvierter auf Eurosport) kommentiert wird. “Es war brutal. Wir sind zu keinem Zeitpunkt vom Gas gegangen. Das Peloton fuhr auch immer weiter, sie haben nicht locker gelassen. Und selbst als es das doch endlich tat, fuhren wir voll weiter. Es war eine unglaublich starke Gruppe und alle haben ihren Teil der Arbeit gemacht. Es war eine unfassbare Leistung von Ben, wie er 2:30 Minuten wegfahren konnte, ist mir ein Rätsel. Chapeau. Ich bin wirklich kaputt.“ Dunbar ist wie Healy auch Ire, sie kennen sich aus gemeinsamen Zeiten in den nationalen Nachwuchskadern, Dunbar kann wie kein anderer Healys Leistungsvermögen perfekt einschätzen. Und ganz offensichtlich war das an diesem Tag in einem unerklärlichen statistisch signifikanten Ausreißer nach oben, müssen also ganz besondere Additive in Healys Trinkflaschen gewesen sein, würde der penetrante Zweifler kritisch anmerken. Aber das scheint wie üblich niemanden im begleitenden Journalistentrosss zu interessieren. Man muss sich nur den völlig ausgepumpten Superstar van der Poel, der ebenfalls zu dieser illustren Spitzengruppe gehörte, nach der Etappe ansehen, der noch geradeso mit einer Sekunde ins gelbe Trikot schlüpft, um zu erahnen was sich an diesem Tag auf den Straßen der Normandie zugetragen hat [6]. Ein weiterer Topstar der Szene, van Aert, steigt erneut, wie schon beim Giro, krank in die Tour ein und fährt bereits seine zweite Grand Tours dieses Jahr als „Rehamaßnahme“, zu Risiken und Nebenwirkungen fragen sie halt ihren sportlichen Leiter oder Sponsor [7].

Von Smirs1

Studium der Chemie u. Sportwissenschaft; 30 Jahre Berufserfahrung in der klinischen Forschung, Medizinproduktezulassung, Fitnessindustrie u. Betreuung von Weltklasseathleten; ehem. Diplomand am Institut f. Biochemie u. Dopinganlytik d. DSHS Köln; investigativer Journalist in Mainstream u. alternativen Medien mit zahlreichen fachspezifischen Publikationen; passionierter Radsportler, seit 40 Jahren im Rennsattel unterwegs; Erfinder und Patentinhaber

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